Es war die Zeit als die Kunst des Brückenbauens in einer schweren Krise steckte. Der Bedarf an neuen Brücken war enorm. Denn immer mehr der im traditionellen Stil erbauten Brücken hielten den Erfordernissen der modernen Zeit nicht mehr stand und brachen unter der enormen Last, die sie zu tragen hatten, zusammen.
Zu dieser Zeit gab es einen Brückenbaumeister namens Joakim, der in einem der ältesten Zentren der Brückenbaukunst lebte. Er war ein gelehrter Mann, der sich ganz dem traditionellem Brückenbau verschrieben hatte. Er kannte alle Lehrsätze der klassischen Architektur. „Eine Brücke, die nicht nach den Lehrsätzen der Tradition erbaut ist, ist keine Brücke,“ pflegte er zu sagen. „Experimente mit neuen Formen lehne ich ab. Das lenkt nur ab vom Wesentlichen. Wichtig ist eine strenge Linienführung und die Bewahrung der Tradition.“ Solche und ähnliche Äußerungen hörte man oft von Joakim. Es gab für in nichts schöneres als eine solche, im Geist der Tradition gebaute Brücke.
Oft fuhr Joakim in das Zentrum des klassischen Brückenbaus nach Rom. Hier ließ er sich vom Obersten Brückenbaumeister erklären, wie eine Brücke in der Tradition der klassischen Architektur auszusehen hatte. Hier holte er sich neue Kraft und neuen Mut. Hier traf er mit Brückenbaumeistern aus der ganzen Welt zusammen. Und alle quälte die gleiche Sorge: Würde sich die traditionelle Bauweise an die nächste Generation weitergeben lassen?
Denn inzwischen entdeckten immer mehr Handwerker, dass die traditionelle Bauweise zwar schön anzusehen und auch in ihrer Formschönheit und harmonischen Linienführung als Ideal in der Architektur bis zum heutigen Tag unübertroffen sei.
Doch leider hatten die traditionellen Brücken einen großen und entscheidenden Haken: Sie waren den enormen Belastungen der modernen Zeit nicht gewachsen. Ihre Statik war nicht für die Verkehrsmittel, wie sie die Zeit mit sich brachte, ausgelegt. Sie waren in der heutigen Zeit einfach nicht mehr funktional. Die traditionellen Brücken erfüllten kurz gesagt einfach nicht mehr ihren Zweck, da man sie nicht benutzen konnte. Und nicht nur die Handwerker bemerkten dies. Auch einige Brückenbaumeister bemerkten die Defizite, die die traditionellen Brücken in der Praxis zeigten. Noch waren es nur wenige, doch ihre Zahl der Baumeister, die sich von der traditionellen Bauweise los sagten, nahm ständig zu.
Aber Joakim und mit ihm eine große Schar der noch lebenden Brückenbaumeister wollten das nicht wahrhaben. Sie versuchten mit allen Mitteln, die traditionelle Bauweise in die moderne Zeit hinüber zu retten. Dabei bedienten sie sich einer merkwürdigen Logik. Nicht etwa die traditionelle Bauweise habe sich überlebt oder sei gar veraltet. Nein, Schuld an der ganzen Misere im Brückenbauwesen seien einzig und allein die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen, die durch die Moderne ausgelöst wurden. Die rein funktionale Betrachtung einer Brücke, die die einzige Bestimmung einer Brücke in dem Verbinden zweier Orte sehe, würde dem komplexen Phänomen einer Brücke gar nicht gerecht. Die entscheidenden Dimensionen würde bei einer solchen Betrachtungsweise außen vor bleiben.
So kam es zu dem merkwürdigen Umstand, dass die Brückenbaumeister sich zwar einerseits in ihrem eigenen Alltag der modernsten Technik bedienten (Luxuslimousine mit allem Komfort, Computer, Telekommunikationsanlagen usw. gehörten zur Standardeinrichtung bei nahezu allen Baumeistern). Andererseits aber schimpften sie auf die Errungenschaften der modernen Zeit, die ihnen diese Technik zur Verfügung stellte.
Es kam nicht selten vor, dass Joakim, wenn er eine Schar Handwerker bei sich hatte, auf die moderne Zeit schimpfte und fluchte. Ja er wurde oft richtiggehend zornig. „Was sich z. Zt. auf der Welt abspielt, ist ein Skandal. Die Menschheit hat moralisch noch nie so tief gestanden wie heute. Wir müssen wieder zu unseren alten Tugenden finden. Die modernen Verkehrsmittel sind eine Bedrohung für die gesamte Architektur,“ schimpfte er. Doch immer weniger Handwerker hörten Joakim bei seinen Reden zu. Immer weniger teilten seine Auffassungen.
So fand der Baumeister Joakim immer weniger Handwerker, die ihm beim Bau traditioneller Brücken zur Seite stehen wollten. Immer mehr Handwerker wollten mit neuen Formen experimentieren. Sie spürten dabei, daß die Zeit drängte, denn schon gab es nur noch wenige Brücken. Und die Menschen brauchten doch die Brücken. Sie verlangten danach. Immer lauter wurden die Rufe, die nach neuen Brückenformen verlangten. Aber ohne das Wissen eines Brückenbaumeister konnten die Handwerker nur sehr bedingt neue Brücken bauen.
Joakim wollte sich auf keine Experimente einlassen. Es gab für ihn nur ein entweder oder. Entweder die Brücke wurde so gebaut wie er es wollte oder eben gar nicht. Insgeheim hatte Joakim zwar Angst, dass die Handwerker mit ihrer Einstellung vielleicht recht hatten. Doch hatte er noch größere Angst, dass er den Obersten Brückenbaumeister in Rom enttäuschen würde, wenn er sich von der traditionellen Bauweise abwenden würde.
So kam es zu einer verrückten Situation: Es gab da einen Brückenbauer, der nichts sehnlicher wünschte als eine, als seine, Brücke zu bauen. Dem jedoch die Arbeiter dazu fehlten. Auf der anderen Seite gab es enorm viele Handwerker, die einen Brückenbaumeister suchten, der mit ihnen eine Brücke baut, die den Ansprüchen der modernen Zeit gerecht wird.
Lange Zeit wurde die Krise in ihrer ganzen Schärfe gar nicht wahrgenommen. Denn die Brückenbaumeister wurden in ihrer Arbeit von einer riesigen Behörde unterstützt. Und das Eigenleben dieser Behörde sorgte dafür, daß Probleme vor Ort nicht oder nicht richtig in die Führungsetagen weitergegeben wurden. Denn wer von Problemen berichtet, kommt schnell in den Ruf, ein Teil des Problems zu sein. Und das wollten eigentlich die wenigsten, die in der Behörde Dienst taten.
Nach außen hin entstand der Eindruck von großer Geschäftigkeit und es schien so, als ob alles seinen Gang ging. Doch mit jeder Brücke, die den Belastungen nicht mehr stand hielt, wurden die Menschen unzufriedener. Mehr und mehr verweigerte man den finanziellen Beitrag an die Brückenbau Behörde abzuführen. Damit traf man die Brückenbaumeister an ihrer empfindlichsten Stelle. Die Behörden mussten mehr und mehr abspecken. Das führte zu massiven Kürzungen auch in sehr schmerzhaften Bereichen. Anderseits schrumpfte auch der bürokratische Anteil der Arbeit. Es gab weniger Besprechungen, weniger Papierkrieg, weniger Vorschriften usw.
Und siehe da: Plötzlich hatten die Baumeister auch wieder den zeitlichen Freiraum, sich vor Ort selber ein Bild der Lage zu machen. So wurde auch Joakim höchstpersönlich auf einer Baustelle gesehen. Er wurde nachher als sehr nachdenklich beschrieben. Er wirkte erschüttert und niedergeschlagen. Zum ersten mal seid langer Zeit sah er sich wieder mit den Sorgen und Nöten der sog. kleinen Leute an der Basis konfrontiert. Er spürte den Ernst und das Feuer, mit dem die Leute sich mühten, zu mindestens einige kleine Brücken funktionstüchtig zu erhalten. Er sah die vielen Notbehelfe, die zwar wenig ästhetisch aber um so funktionstüchtiger waren. Er sah die enorme Anstrengung, mit der die Leute versuchten ihre Brücke instand zu halten.
Er sah die Hoffnung und den Mut der Leute. Er sah die aus der Not geborenen oftmals sehr kuriosen Bauten. Nach den Grundsätzen der traditionellen Architektur waren diese Brücken schlichtweg ein Skandal: unterschiedliche Materialien waren da beim Bau verwendet wurden, es war kein einheitlicher Baustil erkennbar, vieles sah aus wie Flickschusterei. Aber er sah, welche Bedeutung diese Brücken für die Menschen hatte, wie viel Arbeit, wie viel Schweiß, wie viel Liebe und Seele in diesen Bauwerken lag.
Seid diesen Besuchen ist es sehr Still um Joakim geworden. „Ich bin mit meinem Latein am Ende,“ wird er zitiert. Aus dem näheren Umfeld wurde berichtet, daß der Baumeister in ein tiefes Schweigen verfallen sei. Es sei förmlich zu spüren, welche Kämpfe er mit sich auszutragen habe. So warten nun alle auf den Ausgang dieses Kampfes und hoffen darauf, dass auch morgen noch Brücken gebaut werden, die es ermöglichen miteinander in Verbindung zu bleiben.
Und wenn sie nicht gestorben sind dann hoffen sie auch heute noch.