Es war einmal ein Hirte. Der sorgte sich Tag und Nacht um seine Schafe. Er kannte seine Schafe und seine Schafe kannten ihn. Er hatte ein solches Ohr für seine Schafe wie es seines gleichen suchte. Schon am Klang der Stimme konnte er jedes seiner Schafe erkennen, konnte er hören ob es einem Schaf gut oder schlecht geht. Auch hatte er ein besonderes Auge für seine Schafe wie es kaum ein anderer Hirte besaß. Er sah, wenn seine Schafe hungerten, wenn sie eine Gefahr witterten. Und er hatte ein solches Herz für seine Schafe wie es nur wenige Hirten hatten. Und so mangelte es seinen Schafen an nichts.
Es wird berichtet, dass ihm einmal ein Schaf weg lief. Da ließ er seine ganze Herde im Stich, um das eine, verlorene Schaf wiederzufinden. Er hatte große Angst, dass dem Schaf etwas zugestoßen sein könnte, denn es war ganz allein unterwegs. Er hatte jedoch keine Angst, seine Herde allein zu lassen, denn er vertraute ihr. So fand er das verlorene Schaf schon bald wieder und er schloss es in seine Arme. Er war wirklich ein guter Hirte. Er hätte sein Leben für seine Schafe gegeben.
Eines Tages traf er auf eine riesige Herde fremder Schafe. Die Herde war so groß, dass es gleich mehrere Hirten brauchte, um sie zu hüten. Da kam der Oberhirte auf ihn zu und sprach zu ihm:
„Willst du dich uns nicht anschließen? Deine Herde ist klein und allein ist die Arbeit so anstrengend. Hier sind wir zu vielen und wir können uns gegenseitig Helfen.“
Der Hirte erwiderte ihm:
„Was gelten bei euch für Regeln?“
„Wir alles sind Hirten, die einmal eine eigene Herde hüteten. Wir haben uns vor langer Zeit zusammengetan. Ich bin der Oberhirte. Mir gehört die Gesamtherde. Vom Gewinn, den die Herde abwirft, bekommt jeder einen Anteil entsprechend der Zahl der Schafe die er in die Herde mit eingebracht hat,“
sprach der Oberhirte.
„Ich will es mir überlegen und diese Nacht darüber nachdenken,“
antwortete ihm der Hirte.
In der Nacht lagerte der Hirte mit seinen Tieren bei der großen Herde. Bald schon fiel er in einen tiefen Schlaf. Da sah er im Traum eine riesig große Schafherde. Und er sah sich selbst, wie er verzweifelt nach seinen alten, vertrauten Schafen suchte. Da fand er eines, das etwas Abseits von den anderen Schafen stand. Es hatte Angst in der großen Herde mitzulaufen. Doch als er sich zu dem Schaf hinunter beugte und es in seine Arme schließen wollte, da war die laute Stimme des Oberhirten zu hören:
„Los, an die Arbeit. Wir haben nicht ewig Zeit. Jeder muss sein Bestes geben. Es geht nicht an, dass sich einer von uns solange mit einem einzigen Schaf abgibt. Ist ein Schaf nicht willig, so mach es willig. Wozu hast du deinen Hirtenstab? Verstehst du?“
Und er sah sich im Traum wie er mit seinem Hirtenstab auf die Tiere einschlug, um sie voranzutreiben. Er sah, wie ihm die Tiere immer lästiger Wurden. Schon bald sah er in den Schafen nicht mehr seine Freunde, sondern nur noch eine lästige und anstrengende Arbeit.
Da wachte er erschrocken auf. Er treib seine Herde zusammen und noch vor dem Morgengrauen hatte er mit seinen Schafen die große Herde weit hinter sich gelassen. und wenn er nicht gestorben ist, dann weidet er auch heute noch als guter Hirte seine Schafe.