Für mich war dieser letzte Abend mit Jesus eine einzige Enttäuschung.
Welche Hoffnung hatte ich in den Mann aus Nazareth gesetzt!
Wie sehr hatte ich mir gewünscht, dass mit seinem Kommen,
die Herrschaft der Römer in unserem Land ein Ende habe.
dass das Land Israel wieder von uns, dem Volk Gottes,
in Besitzt genommen werden könnte,
dass Jesus von Nazareth der von den Propheten angekündigte Messias sei.
Schon lange war ich im Untergrund aktiv gewesen,
um mich gegen die römischen Unterdrücker zu währen.
An vielen auch gewaltsamen Überfällen und Anschlägen
hatte ich schon teilgenommen.
Da erreichte mich der Ruf Jesu:
Judas, Iskariot, komm folge mir!
Viel hatte ich schon von dem Mann aus Nazareth gehört:
Doch als ich ihm nun Aug in Aug gegenüber stand,
da merkte ich vor allem eins:
Dieser Mann hat Charisma,
eine ganz besondere Ausstrahlung, die jeden in den Bann zieht.
Dieser Mann versteht es, Leute an zu sprechen,
zu begeistern.
Das ist der Mann auf den das Volk Israel schon so lange gewartet hat.
Und ich zögerte keinen Augenblick um mich diesem Jesus anzuschließen.
Ja, ich wurde sogar einer der Zwölf und war im Engsten Kreis mit um Jesus.
Ja, auch ich war begeistert von diesem Mann.
Aber in meiner Begeisterung war ich nicht so blind
wie du, Petrus, und all die anderen.
Schon bald kamen mir Zweifel,
ob Jesus tatsächlich der Anführer für unser Volk sein könne,
den ich mir so sehr erhoffte.
Zwar schaffte er es,
immer große Menschenmengen um sich zu scharen,
doch nie gelang es ihm,
das Volk für den Kampf gegen die Römer zu motivieren.
Im Gegenteil!
Einmal, als er wieder einmal zu vielen Menschen sprach,
da hat er sogar gesagt:
Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt,
dann halte ihm auch die linke hin.
Und wenn dich ein römischer Soldat zwingt,
eine Meile mit ihm zu laufen,
dann laufe auch die zweite mit.
Das traf mich tief.
Fast hatte ich den Eindruck,
dass Jesus das bewusst zu mir
Judas dem Zeloten gesprochen hatte.
Meine Unsicherheit wuchs mehr und mehr.
Ich war hin und her gerissen von Jesus.
Doch als wir dann nach Jerusalem einzogen,
die Leute am Wegrand mit den Palmenzweigen winkten
und als sie Hosianna, heil dir, du, unser König, riefen,
da wusste ich: jetzt wird alles gut.
Jetzt wird Jesus das Volk sammeln.
Nun beginnt endlich der Kampf.
Um so enttäuschter war ich, das nichts geschah.
Da war kein Wort mehr zu hören von Aufstand,
von der Vertreibung der Römer.
Wie feierten einfach wie jedes Jahr das Passahfest miteinander.
Und als Jesus bei diesem Mahl dann anfing uns die Füße zu waschen,
da hab ich es nicht mehr ausgehalten.
All die frommen Worte,
das Geschwätz der anderen Jünger,
die Tatenlosigkeit.
Da plante ich, Jesus seinen Feinden auszuliefern.
Und ich spürte zu Beginn des Mahles,
dass Jesus wusste, was ich vorhatte.
So wie Jesus mich ansah, merkte ich,
dass er mich und mein Tun genau durchschaute.
Was dann weiter passierte in dieser Nacht,
habe ich nicht überwunden.
Nicht nur für Jesus begann in dieser Nacht das Ende.
Es war auch mein Ende.
Ja, ich habe Jesus ausgeliefert
ja, ich habe ihn mit einem Kuss Verraten,
ja, 30 Silberlinge für meinen Verrat bekommen,
ja, ja, ja …
Doch das, was ich getan habe,
hat mir keine Ruhe gelassen.
Schnell merkte ich, dass ich einen großen Fehler begangen hatte.
Doch als ich den Hohen Priestern die 30 Silberlinge vor die Füße warf;
Als ich ihnen sagte, dass Jesus unschuldig sei,
da hörte niemand mehr auf mich.
Mit mir hatte man ja einen Sündenbock für diese Tat gefunden.
Nein, mit mir wollte niemand mehr zu tun haben,
mit einem Verräter.
Mir fiel wieder der letzten Abend mit Jesus wieder ein,
wie wir alle um den Tisch gesessen hatten.
Und ich dachte daran, dass Jesus auch mich zum Mahl geladen hatte,
obwohl er spürte, was in mir vorging.
Ja, Jesu Zuwendung galt immer allen!
Und ich spürte in mir eine tiefe Sehnsucht
nach der Geborgenheit, die ich in Jesu Nähe immer gespürt habe.
Und erst jetzt wurde mir bewusst,
dass das, was ich mit Waffengewalt erzwingen wollte,
in Jesu Nähe immer schon Wirklichkeit war.
Das Himmelreich, die Herrschaft Gottes,
war in Jesu Nähe immer schon da.
Wir gern hätte ich mich in diesen Stunden
von Jesus in den Arm nehmen lassen.
Aber ich war ganz allein in diesen letzten Stunden.
Und ich weiß nicht,
ob einer von Euch, wirklich weiß,
was das heißt.
Diese Einsamkeit habe ich nicht ausgehalten.
So habe ich meinem Leben ein Ende gesetzt.