Der richtige Platz

Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau. (…) Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen: Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Lk 14, 1.7-14

In einer Zeit, wo Kinder an vielen Orten der Erde auf der Straße leben müssen und laut Zeitungsberichten selbst in Deutschland zunehmend mehr Kinder verwahrlosen und scheinbar keinen Platz haben, wo sie willkommen sind – In einer solchen Zeit wirkt das Problem, der richtigen Platzwahl beim Essen, das in diesem Text aus dem Lukas Evangelium angesprochen wird, wie ein Luxusproblem.

Und dennoch: Der Bibeltext hat es in sich. Es ist kein Zufall, dass wesentliche Gedanken der Botschaft Jesu oft im Zusammenhang mit einem gemeinschaftlichem Mahl bzw. bei Tisch zur Sprache kommen.

Der Tisch, an dem für alle ein Platz vorbehalten ist; das Mahl, bei dem alle satt werden; das Essen, das miteinander geteilt wird – All das sind Bilder für das, was Jesus mit „Reich Gottes“ meint.

Für Jesus aber ist das Reich Gottes nichts, was uns erst in ferner Zukunft versprochen ist. Reich Gottes ist schon jetzt und hier und heute erfahrbar – immer dann, wenn Menschen die Grenzen ihrer Ich-Bezogenheit überwinden und sich für Ihre Mitmenschen öffnen und Solidarität gelebt wird.

Insofern erinnert uns das Evangelium an den Traum einer Erde, auf der der Tisch für alle gedeckt ist, wo alle Menschen das, was sie zum Leben brauchen miteinander teilen. Jesu Aufforderung, unser Vermögen zu teilen und sich von dem, was wir unser eigen nennen zu trennen, das klingt für uns, die wir scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens leben, sehr hart.

Und doch stimmt es: An Lebensqualität reich werden wird, wer sich nicht an sein Vermögen und seinen Reichtum klammert. Lebensglück gewinnt, wer sich nicht allein bestimmen lässt vom materiellem Gewinn und von Kosten-Nutzen Rechnung. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“